Ein Schmuckstück ist gerettet (Bericht im Darmstädter Echo vom 27.Oktober 2014)

Historie – Spezialisten aus Karlsruhe restaurieren fachmännisch die Erzhäuser Feuerwehrfahne aus dem Jahr 1935 Instand gesetzt: Pfarrer Marcus-Stefan Großkopf zeigte sich von der hochwertigen Verarbeitung der Erzhäuser Feuerwehrfahne ebenso beeindruckt, wie die etwa 80 Besucher des Gottesdienstes, bei dem die restaurierte Fahne wie auch die Feuerwehrkameraden gesegnet wurden.

20141026 Fahnensegnung

Foto: DE – Sebastian Philipp 

Vor dem Zerfall bewahrt: Die Erzhäuser Feuerwehrfahne wurde für 5300 Euro restauriert. Nun wurde die Fahne in einem Gottesdienst gesegnet und der Öffentlichkeit vorgestellt.

 Pfarrer Marcus-Stefan Großkopf geht auf Nummer sicher. Die Fahne aus der Folie zu entfernen, die sie über Nacht in der Kirche geschützt hat. Das soll lieber Gemeindebrandinspektor Ralf Bachhuber übernehmen. Der schreitet zur Tat: Da hängt sie nun, soll an diesem Sonntagvormittag im Gottesdienst in der evangelischen Kirche gesegnet werden – gemeinsam mit allen Wehrkräften, die an diesem Morgen zahlreich im Gotteshaus erschienen sind, um dem feierlichen Moment beizuwohnen.

Das Schmuckstück, das im Altarraum der Kirche aufgestellt ist, nimmt beinahe den ganzen Raum ein. Doch dass die 1935 durch den Großherzog Ernst Ludwig gestiftete Fahne solch einen beträchtlichen Wert hat, das erfuhren die Einsatzkräfte erst vor kurzem.

Im Gespräch mit dem ECHO erinnert sich Jürgen Möckel, Sprecher der Feuerwehr: „Die Fahne hing bei uns im Feuerwehrhaus in einer Ehrennische.“ Mehrere Generationen von Einsatzkräften seien daran vorbeigelaufen, sie hätte eben einfach dazu gehört. Doch die mit rotem Samt auf der Vorderseite bezogene Fahne, cremefarbener Chinaseide auf der Rückseite, veränderte sich. Langsam zersetzte sich der Trägerstoff, Buchstaben begannen zu bröckeln. „Wir hatten uns schon länger gesagt, das müssen wir mal begutachten lassen.“

Denn eines war klar: Eine einfache Arbeit war die auf der Vorderseite mit einem Feuerwehrmann vor der evangelischen Kirche und dem Schriftzug „Freiw. Feuerwehr“ verzierte Fahne sicher nicht. Jeder Buchstabe der Fahne war mit goldfarbenen Metallröhrchen in der Kantillentechnik gestickt worden, hochwertig auch die Rückseite, auf der neben dem Schriftzug „Einer für alle, alle für einen“ inzwischen wieder das Bild des „Sankt Florian“ die Fahne schmückt.

Persönlich sei er zur Karlsruher Fahnenfabrik gefahren, erklärt Möckel, um den Stoff unter die Lupe nehmen zu lassen. In der Karlsruher Fabrik herrschte dann große Aufregung: Selbst für die Mitarbeiter des Unternehmens war ein solches Schmuckstück nicht alltäglich. Die Fahne wurde vermessen, Motive wurden ausgeschnitten, aufgearbeitet und auf einem neuen Trägerstoff wieder aufgebracht. Dabei konnte auch das 1964 aus der Fahne entfernte Bild des „Sankt Florian“ wieder integriert werden, das damals einer Notreparatur zum Opfer gefallen war, als eine ortsansässige Näherin einen Riss des Fahnenstoffes ausbesserte. Insgesamt 5300 Euro kostete den Feuerwehrverein die Restaurierung der Fahne, die besonders durch ihre aufwendigen Stickereien besticht.

In einem kurzen Blick in die Historie zeigte sich Gemeindebrandinspektor Bachhuber während des Gottesdienstes vor allem darüber erfreut, dass die Feuerwehr noch über gut erhaltene Originaldokumente verfügt, die die Geschichte der Fahne abbilden. Daher wissen die Vereinsmitglieder auch, dass schon kurz nach der Fahnenweihe 1935 das Schmuckstück für 500 Reichsmark versichert wurde, alle übrigen Geräte der Feuerwehr damals mit überschaubaren 1000 Reichsmark: Ein deutlicher Beleg, welchen Stellenwert die Kameraden von damals der Fahne einräumten.

Untypischer Verzicht auf damalige NS-Symbolik

Doch nicht nur die Mitglieder der Feuerwehr und deren Angehörige waren bei dem Gemeindegottesdienst jetzt beeindruckt von der hochwertigen Arbeit, auf die der Hersteller – die Bonner Fahnenfabrik – bereits damals beträchtliche 15 Jahre Garantie gegeben hatte. Auch Pfarrer Marcus-Stefan Großkopf war begeistert. In seiner Predigt, die er unter das Motto „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr“ stellte, lobte er vor allem, dass die Fahne dem Führerprinzip eine klare Absage erteilte und kaiserliche Farben dominierten, obwohl es nicht selbstverständlich für die damalige Zeit war, dass diese Fahne akzeptiert und auf NS-Symbolik verzichtet wurde.

Marcus-Stefan Großkopf beschwor in seiner Predigt das Gemeinschaftsgefühl der Erzhäuser, bei dem jeder seinen Platz einnehmen müsse und nicht immer nur um das eigene Ego kreisen dürfe. Die Fahne mit dem Schriftzug „Einer für alle, alle für einen“ erinnere „an das groß geschriebene Wir“.